Montag, 14. März 2016

Endspurt mit Gänsehaut - Queenstown bis Bluff


Nachdem ich mir in Queenstown nochmal richtig den Magen vollgeschlagen habe, stehe ich am nächsten Morgen an der Strasse nach Glenorchy. Ich muss heute zuerst eine ziemlich lange Strecke per Autostopp zurücklegen, um an den Startpunkt des nächsten Abschnittes zu gelangen.

Heute muss ich nicht sehr lange warten, bis ein Saab anhält. Eine Frau fährt bis Glenorchy, so dass ich wenigstens bis dahin schon mal komme. Sie hat es sehr eilig und flucht ziemlich über die chinesischen und japanischen Touristen, welche extrem langsam fahren und auch nicht gross schauen, wenn sie wieder von einem Aussichtspunkt zurück auf die Strasse fahren. Zum Teil ist es schon gefährlich, was sich hier so auf der Strasse tummelt...

In Glenorchy nimmt mich ein junges, amerikanisches Paar mit. Sie wollen den Rupburn Track wandern. So komme ich immerhin bis zu einer nächsten Verzweigung. Dann heisst es für mich Laufen. Die Autos - vornehmlich Chinesen - halten nicht an. Ich frage mich schon, ob ich wirklich 20 Kilometer bis zum Ausgangspunkt des Trails laufen muss. Dann sage ich mir: das nächste Auto hält! Und so ist es dann auch. Ein Schweizer Paar nimmt mich mit! Endlich wieder einmal Schweizerdeutsch reden! Perfekt!

Der Trail ist dann vollkommen anders als die letzten Wochen, wo es doch meistens sehr trocken, teils fast wüstenhaft war. Jetzt ist alles Grün. Wunderbar klares Wasser im Gebirgsbach. Greenstone Valley ist der Name des Tales. Und so ist dann auch das Wasser: ein tiefes Grün. Herrlich!

Da ich die Autostopp-Passage doch recht schnell hinter mich bringen konnte, bin ich schon früh bei der ersten Hütte. Ich gehe weiter. In der zweiten Hütte will ich eigentlich bleiben, doch dann sage ich mir: "wenn ich die Hütte vor sechs Uhr abends erreiche, dann gehe ich weiter zur Nächsten." Und so ist es dann auch. Es läuft mir wirklich sehr gut. Wie immer nach einem Steak am Vorabend!

Die nächste Hütte erreiche ich dann relativ spät. Als ich rein komme, ist da nur ein Fischer. Er ist aus Frankreich, Vincent. Er offeriert mir gleich den Rest seiner Forelle. Welches Glück ich doch heute wieder habe! Das Abendessen schmeckt vorzüglich! Danke nochmals dafür, Vincent!

Vincent ist aus dem französischen Jura, arbeitet aber in der Schweiz. Er ist leidenschaftlicher Fischer. Sein ganzes Leben dreht sich ums Fischen. Er arbeitet in einem Tierhandel und kümmert sich da um was? Ja, natürlich, die Fische! Jetzt hat er acht Monate frei bekommen und reist einmal um die Welt, um zu Fischen. Er beschreibt mir wie er fischt. Es ist nicht nur ein reinhalten der Rute und dann warten. Es ist eine Jagd. Wirklich interessant in zu hören!

Am nächsten Tag will ich Anneli, eine Estin einholen. Sie sollte nur etwa drei Stunden vor mir sein, wie ich aus den Hüttenbüchern erfahren habe. Ich laufe also mehrheitlich einen Geländewagen-Trail entlang. Dann entlang des Movara Lakes. Dort mache ich nochmals kurz Halt um etwas zu Essen. Und ich treffe auf Touristen, welche hier einen Platz suchen, an welchem eine Szene von "Der Herr der Ringe" gedreht wurde. Ganz schön verrückt diese Leute...

Von hier führt eine Strasse bis zum nächsten Ort. Viele Hiker lassen diesen Abschnitt aus. Ich will jedoch Anneli einholen und weiss, dass sie läuft. Also geht es erstmal einen schönen Weg an einem Fluss entlang. Dann wäre nochmals eine Hütte etwas abseits vom Trail. Ich gehe den Trail weiter und überquere den Fluss. Da ist es wohl, wo ich Anneli ein- und überholt habe, wie ich später erfahre...

Der Trail auf der anderen Seite des Flusses ist dann kein wirklicher Trail mehr. Ich fluche mehr als ich Laufe. Eine Frechheit, die Te Araroa Wanderer hier durch zu schicken! Nach zweieinhalb Stunden durch das Gebüsch kriechen, sage ich mir "Schluss"! Ich gehe zur Strasse hoch. Laufe dann auf der Strasse. Irgendwann hält ein Farmer an und bietet mir an mich bis zu seiner Farm mitzunehmen. Ich nehme an, da ich so noch eine Chance sehe vor dem Eindunkeln die nächste Hütte zu erreichen. Schlussendlich fahre ich etwa 8 Kilometer mit ihm. Dann muss ich wieder laufen. Als ich dann bei der Hütte ankomme, habe ich heute 71 Kilometer zurückgelegt. Minus 8 km ergibt tatsächlich gelaufene 63 km. Ist doch gar nicht so schlecht!

In der Hütte treffe ich auch wieder auf Janosch und Symi, einem deutschen Paar, dem ich schon lange hinterher renne. Doch immer wenn wieder eine Strasse kommt sind sie wieder weit vor mir...

Auch Rafael treffe ich hier, einen Schweizer. Als ich ihn frage woher er denn komme, sagt er in breitestem Zürcher Dialekt: "aus Flims!". Nein, aus Flims kommst DU sicher nicht, gebe ich zurück... Nicht gerade sympathisch, sorry.

Am nächsten Tag beginnt es zu regen. Seit Wochen das Erstemal. Wundervoll. Eigentlich will ich bis zum letzten Campground gehen. Bei der ersten Hütte esse ich Mittag. Dann schaue ich aus der Tür und sehe, dass es regnet. Ich lege mich in ein Bett und mache den ganzen Tag keinen Schritt mehr. Ich habe ein etwas gespaltenes Gefühl in mir. Ich will nicht fertig machen. Noch nicht jetzt. Ich mag das einfache Leben auf dem Trail so sehr. Die meisten Leute, die ich jetzt antreffe, wollen nur noch fertig werden...

Am nächsten Morgen dann das gleiche Wetter - Regen. Es geht aber doch gut vorwärts, da das meiste im Wald ist. Bei Regen lernt man den Wald schätzen. Ich stelle mir dann sogar vor wie schön es auf dem Appalachian Trail war, wenn der Wald schützend den Regen abgehalten hat.

Ein letztes Hindernis steht jedoch noch an. Ein harter Aufstieg gefolgt von einem Abstieg über einen Kamm zurück ins Tal, wo dann ein letzter halboffizieller Campground liegt. Oben angekommen sehe ich eine schwarze Wand von Norden rasch auf mich zukommen. Ich werde wohl nicht trocken da hinunterkommen... Dann nimmt der Wind plötzlich massiv zu. Ich muss richtig dagegen ankämpfen und versuche meinen Rucksack etwas kleiner zu machen, indem ich das Zelt in den Rucksack packe. Der Wind hat eine enorme Kraft und ich muss mich mehrere Male an grossen Felsbrocken festhalten, um nicht umgeweht zu werden. Schlussendlich erreiche ich aber den Campground. Das Zelt hier aufzuschlagen ist dann die nächste Herausforderung. Wind oder Sandflies? Ich entscheide mich für die elenden Fliegen und baue mein Zelt in einem Graben, aber ganz dicht am Bach auf.

Am folgenden Morgen geht es für mich früh weiter. Es geht vorallem über Farmland und Schotterstrassen. Es regnet und regnet. Langsam wirds auch kalt. Jetzt bei diesem Wetter möchte auch ich nur noch eines: fertig werden! Ich gebe also wieder Vollgas, nachdem ich ja zwei lockere Tage hinter mir habe. Heute werden es wiedermal 65 Kilometer. Rekord für mich auf der Südinsel.

Der Te Araroa endet irgendwie wie er begonnen hat: Schlamm, Regen, Strand. Das letzte kleinere Gebirge durchquere ich bei schlechtesten Bedingungen. Es regnet und regnet. Nebel. Man sieht die Markierungen des Weges kaum. Doch ich komme doch gut vorwärts. Von Leuten die zwei Wochen später hier durchgekommen sind, erfahre ich später, dass sie von hier das erste Mal Bluff, das Endziel gesehen hätten. Ich sah kaum meine eigene Hand, so dicht war der Nebel.

Schlussendlich bin ich am Abend froh als ich die allerletzte Hütte auf dem Trail erreiche - Martin's Hut. Es ist die mit Abstand schlechteste und älteste Hütte auf dem Trail, doch in dem Moment einfach nur herrlich. Zu meinem Glück ist niemand da und ich muss sie schlussendlich nur mit zwei Amis teilen.

Dann geht es schnell. Entlang eines Wassergrabens, der früher für die Goldminen gebraucht wurde führt der Weg flach immer Richtung Meer. Immer noch bei Regen erreiche ich dann das erste Dorf seit langem. Ich esse einen richtig schönen, grossen Burger und laufe dann noch weiter nach Riverton, dem letzten Dorf vor Invercargill, der südlichsten Stadt des englischen Empires. Für mich eine spezielle Stadt und irgendwie auch das Ziel meiner Reise.

Kurz vor Riverton zerreisst es mir dann doch tatsächlich noch meinen Schuh, nachdem ich die letzten Tage so sehr geschaut habe, dass ich schonend mit meinen ihnen umgehe und mit diesen noch Bluff erreichen kann...

In Riverton habe ich dann einen tolle Unterkunft. Ein blaues, etwas heruntergekommenes Hotel, Motel, Hostel oder was auch immer. Die Besitzer Fiona und Murray nehmen mich herzlich auf. Von Murray erfahre ich dann auch sehr viel über Burt Munroe und Invercargill, dem eigentlichen Ziel meiner Wanderung. Es wird sicher interessant für mich in Invercargill!

Es liegt nur noch ein Strand vor mir, bevor ich Invercargill erreiche: Oreti Beach! Den meisten Leuten wird das nichts sagen, doch für mich ist das "heilige Erde"! Hier hat Burt Munro seine Testfahrten gemacht. Burt Munro mit seiner Indian - the world's fastest Indian! Als ich hier entlang laufe habe ich Hühnerhaut...

In Invercargill angekommen ist meine erste Tat in den Laden von E. Hayes zu gehen, um Burt's Indian anzusehen. Das Original! Wundervoll, nach Bonneville nun auch diesen Ort gesehen zu haben. Dann schaue ich nach einem Hostel. Zum Glück ist das Erstbeste ausgebucht. So komme ich ins Southern Comfort. Dem besten Hostel auf meiner ganzen Reise!

Dann steht nur noch eine letzte Wanderung vor mir - 34 Kilometer bis nach Bluff. Ich starte superleicht. Nur meine Schlafsack (für etwas Volumen...) und meine Regenjacke nehme ich mit, da ich am Abend wieder in dieses Hostel zurückkehre. So läuft es sich leicht. Ultraleicht ist für mich definitiv das Rezept für diese langen Wanderungen und ich muss und will da in Zukunft noch gewaltig an der Schraube drehen, um noch viel leichter zu werden!

Der erste Teil ist ein flacher, gut ausgebauter Fahrradweg. Für mich etwas vom langweiligsten. Langweiliger kann ein Trail gar nicht sein... Dann 16 Kilometer Strasse. Hauptstrasse mit Endziel "Hafen Bluff". Zum Glück ist Samstag und es sind nicht ganz so viele Lastwagen unterwegs wie unter der Woche... Das Wetter wird aber allmählich besser. Dann gibt es nochmal einen richtig schönen Wanderweg. Der Weg ist zwar schlecht, die Landschaft entlang der wilden Küste dafür umso schöner!

Zum Schluss wieder eine Touristenautobahn. So endet der Te Araroa Trail dann auch: an einem super touristischen Punkt, Stirling Point, dem bekannten Wegweiser. Da angekommen muss ich für mein Zielfoto zuerst mal eine Horde Chinesen vertreiben! Doch dann komme ich zu meinem Foto.

Niko, Judith und Joel sind kurz vor mir angekommen. Niko, sieht meinen, im Vergleich zu seinem, kleinen Rucksack und fragt mich, ob er den mal aufheben dürfe. Na klar, mach nur, gebe ich mit einem verschmitzten Lächeln zurück. Sein Gesicht als er meinen Rucksack anhebt ist einfach unbeschreiblich! Ich lache laut heraus und gestehe ihm, dass nur mein Schlafsack da drin ist! Was für ein Spass zum Schluss!

Das war es dann also vom offziellen Te Araroa Trail. Doch wie das Leben so spielt, sollte mein Abenteuer noch weitergehen. Jedoch ganz in eine andere Richtung als vermutet. Davon in einem letzten Bericht mehr!
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